Die Beiträge dieser Ausgabe von Lutherische Theologie und Kirche ließen sich vielleicht alle unter dem Thema der gubernatio dei, der Regierung oder Gestaltung Gottes dieser Welt subsumieren. Damit einher geht die Frage, inwiefern die creatio continua, die fortwährende schöpferische und bewahrende Tätigkeit Gottes zu erkennen und zu beschreiben ist.
Den Aufschlag macht Christian Neddens mit seinem Text »Gottes Zusage und unsere Verantwortung«. Neddens widmet sich dabei - auf Bitten der Synode der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche - der Thema Klimawandel aus der Perspektive der Systematischen Theologie. Mag der Klimawandel auch derzeit nicht die Schlagzeilen bestimmen, weil Fragen nach Krieg und Frieden oder des Wirtschaftswachstums in den Vordergrund drängen, so wird das Phänomen der Erderwärmung mit den jetzt schon weithin spürbaren Folgen die Menschheit weiter als eine ihrer größten Herausforderungen begleiten und dann auch erheblichen Einfluss auf die Fragen nach Krieg und Frieden oder des künftigen menschlichen Wirtschaftens haben. Christian Neddens widmet sich dem Thema auch nicht aufgrund aktueller klimapolitischer Diskussionen. Vielmehr greift er auf Gedanken Dietrich Bonhoeffers zurück, der von Klimawandel noch nichts wusste, wohl aber das Stichwort Verantwortung als zentralen Aspekt theologischen Reflektierens (insbesondere der Schöpfungstheologie) und des kirchlichen Handelns traktierte. Insofern gehen Neddens Überlegungen weit über aktuelle Tagespolitik hinaus.
Der zweite Beitrag stammt von Volker Stolle, der sozusagen auf den Spuren Gerhard Ebelings (u.a. »Einführung in theologische Sprachlehre« 1971) den sogenannten priesterschriftlichen Schöpfungsbericht in Gen 1,1-2,4a als »Sprachliche Konstituierung der Weltwirklichkeit« liest. Einfühlsam geht er den Text nach den Schöpfungswerken durch und identifiziert dabei einzelne Sprechakte Gottes vom Schaffen durch das Sprechen, über das Benennen bis hin zum Segnen und Gutheißen. Gottes Schaffen ist durch solche Sprechakte konstituiert, und so ist Gottes Schöpfung ohne sein Sprechen nicht zu denken und nicht zu haben. Stolle verweist darauf, dass durch und in diesen Sprechakten Gottes Schaffen eben in keiner Hinsicht etwas »vergangenes Geschehen« ist, sondern unsere Wirklichkeit bis heute bestimmt und immer neu konstituiert. Hier wären wichtige Impulse für eine Schöpfungstheologie, aber auch für die alttestamentliche Exegese zu gewinnen.
Schließlich dokumentieren wir, sozusagen »aus der Praxis für die Praxis«, einen Text von Hans Peter Mahlke. Unter der Überschrift »Der Gott, der Lasten auf uns legt, doch uns mit unseren Lasten trägt« (ELKG 183,2; nicht im ELKG2) fragt der emeritierte Pfarrer und erfahrene Katechet »Was hat Gott mit unserem Leid zu tun?« Im Durchgang durch biblische Texte, Gesangbuchlieder und Abschnitte aus den lutherischen Bekenntnisschriften werden so der alten Frage nach der Theodizee neue Aspekte abgewonnen. Mahlke verfällt dabei nicht in einfache Lösungen, die doch immer Scheinlösungen sein müssten, sondern eröffnet mit den traditionellen Texten Räume für die jeweilige individuelle Situation. Ein offenes und eben dadurch beeindruckendes persönliches Zeugnis schließt seine Überlegungen.
(aus dem Editorial von Schriftleiter Achim Behrens)