"Der Wundarzt" ist ein eindringliches lyrisches Zeugnis des amerikanischen Bürgerkriegs und eine der bedeutendsten Kriegsdichtungen Walt Whitmans. In einer dramatischen Ich-Perspektive führt der Sprecher durch Lazarette, beugt sich über Verwundete und macht deren körperliches Leiden, ihre Einsamkeit und ihre Würde unmittelbar erfahrbar. Whitman kontrastiert den heroischen Klang militärischer Ruhmesbilder mit dem Geruch, der Stille und der materiellen Realität des Sterbens. Freie Verse, anaphorische Wiederholungen, weit ausschwingende Kataloge und eine zugleich biblische wie moderne Rhythmik verleihen dem Gedicht seine beschwörende Kraft. Eingebettet in den Zyklus "Drum-Taps" und in den weiteren Horizont von "Leaves of Grass", verbindet es patriotische Erschütterung mit radikaler Humanität und einer Poetik des verkörperten Mitgefühls. Walt Whitman (1819-1892), in Brooklyn geboren, arbeitete als Drucker, Journalist und Lehrer, bevor er mit der eigenständig veröffentlichten Sammlung "Leaves of Grass" die amerikanische Lyrik nachhaltig veränderte. Während des Bürgerkriegs pflegte er in den Lazaretten Washingtons verwundete Soldaten, nachdem die Nachricht von der Verwundung seines Bruders ihn dorthin geführt hatte. Diese Erfahrungen ließen ihn den demokratischen Körper nicht abstrakt, sondern als verletzliche Gemeinschaft begreifen. "Der Wundarzt" empfiehlt sich allen Lesern, die verstehen möchten, wie Literatur historische Gewalt in persönliche Verantwortung übersetzen kann. Das Werk ist kurz, doch seine ethische und sprachliche Wirkung reicht weit über den konkreten Krieg hinaus: Es fordert dazu auf, Leid nicht zu verklären, sondern wahrzunehmen, zu teilen und menschlich zu beantworten.